Logbuch

Meike HollandHör gut hin
(Veröffentlicht 25. Oktober 2018)

Auch wenn der Sommer noch lange seine Arme in den Herbst ausgestreckt hat, ist es nun doch so weit. Die Blätter sind bunt gefärbt, leuchten in der Sonne. Eine tolle Jahreszeit für ausgedehnte Hundespaziergänge durch den Wald. Aber wehe, ich schaue morgens raus, es ist dunkel, der Wind pfeift ums Haus und es regnet so, wie es nur im Herbst regnen kann. Obendrein ist es noch lausig kalt.

Da möchte ich mich nur verkriechen, hinterm Ofen hocken bleiben, meine Ruhe haben. Es graust mir ein bisschen vor den nächsten Wochen, wenn erst alle Bäume kahl sind, sich kein grüner Zweig mehr für die Vase im Garten finden läßt, und draußen alles eintönig braun oder gar grau ist. November - da kriegt man schon mal eine kleine Depression.

Aber - irgendwie ist diese Jahreszeit für mich auch eine Zeit der Einkehr. Die Bäume ziehen ihren Saft aus den Ästen in den Stamm zurück, um Kraft für das nächste Frühjahr zu sammeln. Sie lassen ihre Blätter fallen, nur noch die kahlen Äste sind zu sehen. Ich kann durch sie hindurch sehen. Und plötzlich ist auch der Himmel zu sehen, der Himmel mit all seinen Schattierungen, vom bedrohlichen Dunkel bis hin zum klaren Blau.

Eine Metapher, die irgendwie auch gut auf uns Menschen paßt. Es ist dran, sich mal wieder Zeit zu nehmen, inne zu halten, Einkehr zu halten. Sich den Dunkelheiten meines Lebens zu stellen, um zurück zur Klarheit zu finden.

Ich habe mir zu diesem Zweck eine kleine Hütte im Wald gemietet, wo ich ganz ohne Strom und fließend Wasser auf mich gestellt bin. Wo mich kein Telefon stört, wo es kein Internet gibt, um die emails oder die WhatsApps abzufragen, nur ich allein. Ich möchte mir mal wieder selbst zuhören.

Denn das ist etwas, was in unserer Gesellschaft kaum möglich ist. Wir sind darauf konzentriert, den Anforderungen des Lebens, den Anforderungen unseres Chefs, den Anforderungen unserer Familie, den Anforderungen unserer Freunde, kurz, den Anforderungen anderer gerecht zu werden. Alles geschieht immer schneller, so dass ich oft gar nicht mehr die Zeit habe, kurz inne zu halten und zu prüfen, ob ich das, was gerade jemand von mir will, überhaupt selbst möchte.




 



Wir sind hier in Kontakt, müssen dort unsere 140 Mails checken, und schnell noch hier hin, kurz dorthin und noch eben dieses erledigen. Es ist nicht angesagt, zu sagen: „Das möchte ich nicht!“ oder „Das ist mir gerade zu viel!“ - ich will ja nicht als Weichei da stehen. Statt dessen kämpfen wir immer weiter, immer schneller, werden immer angespannter und landen schließlich irgendwann im Burnout.

Dabei hätte unser Körper vielleicht schon vorher mal gesagt, dass es Zuviel ist. Die immer öfter auftretenden Kopfschmerzen, die Schulter, die nicht so will, der Rücken, der hier und da zwickt, und die ein oder andere schlaflose Nacht sind Warnsignale, die allzu gern überhören. Dafür habe ich keine Zeit. Ich muss doch erst noch... Manchmal ist es auch unsere Unlust auf den Besuch bei der Schwiegermutter, der Knoten im Hals bevor die Nachbarin zum Kaffee kommt, oder die erste innere Reaktion auf die Anfrage des Chefs. Aber ich reiß mich zusammen, und denke, stell dich nicht so an. Und erst später merke ich, dass ich einfach nur noch alle bin.

Letztens bat ich eine alte Freundin um einen Gefallen. Sie sagte mir, sei mir nicht böse, das hat nichts mit dir zu tun, aber ich möchte das gerade nicht. Das ist mir Zuviel. Irgendwie war ich empört. Sie könnte doch mal eben... Aber dann wuchs auf einmal mein Respekt vor ihr - sie hatte genau das getan, was mir oft so schwer fällt: Nein sagen.

Wie oft ärgere ich mich über all die Dinge, die ich zugesagt habe, und die ich nicht absagen möchte, weil ich niemanden enttäuschen möchte. Zu etwas Nein zu sagen ist nicht gegen die andere Person, es ist für mich! Und wenn meine Schüssel nicht gefüllt ist, kann ich nicht geben...

Darum möchte ich wieder lernen, auf mich zu hören. Mir selbst zuzuhören, denn meistens weiss ich sehr gut, was ich möchte, wie es weiter geht oder was die Lösung für dieses oder jenes Problem ist. Ich nehme mir nur oft die Ruhe nicht oder die Zeit auf meine innere Stimme oder auf meine Intuition zu hören.

Wenn Sie mich also in der nächsten Zeit nicht erreichen: Ich bin mich wiederfinden gegangen!

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